- 30. März 2001 Nr. 101
-
-
Weitsichtbrille abgelegt
-
-
Der "Fall Heuersdorf" beweist, dass der
liberalisierte Strommarkt keine prinzipielle Rechtfertigung für
den Verlust von Heimat hergibt. Bei einer Anhörung am 19. März
hat jedoch der Ausschuss für Umwelt und Landesentwicklung des
Sächsischen Landtags lediglich die Nutzung eines einzigen
Abbaufelds durch die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH
(Mibrag) bewertet (Freie Presse, 20.03.2001; s. Dokumentation).
-
-
Die Umsiedlung wäre nach Aussage eines Gutachters
erforderlich, um mögliche Schadenersatzforderungen der Mibrag
gegen den Freistaat Sachsen in Höhe von über 300 Millionen
DM zu verhindern. Die Landesregierung haftet demzufolge für
Verkaufszusagen der Treuhandanstalt. Dieser Umstand ist gegenüber
der Gemeinde Heuersdorf stets verschwiegen worden.
-
-
Die Redaktion
-
-
Aktuelle Nachrichten
-
-
Denkwürdiges Ergebnis: Auf der Dritten Klimakonferenz
der Jugend in Heuersdorf wurde eine Petition verabschiedet, die im
Sommer an die Welt-Klimakonferenz in Bonn übergeben werden soll
(Leipziger Volkszeitung, 19.03.2001; (www.klimakonferenz.de).
Die Bundesregierung wird zu konkreten CO2-Reduktionsmaßnahmen
und zur verstärkten Einbeziehung der Jugend in
Entscheidungsprozesse aufgefordert. Gemäß einem Antrag
der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen soll eine
Koordinierungsstelle für "Klimaschutz,
Außenwirtschaftsförderung und Entwicklungspolitik"
gegründet werden, um "zu einer raschen und deutlichen
Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien an der globalen
Energieversorgung zu kommen" (Tageszeitung, 26.03.2001). Der
Sprecher der sächsischen Grünen, Karl-Heinz-Gerstenberg,
verurteilte die Kritik des Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf
an der Windkraft, durch die 300 Arbeitsplätze in der Region
Meißen verhindert worden seien (Leipziger Volkszeitung,
31.03.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 97). Demgegenüber sind
nach Angabe des Bundesumweltministers Jürgen Trittin 70.000
Jobs durch das Gesetz für erneuerbare Energien geschaffen
worden.
-
-
Nepotismus pur: Die sächsische F.D.P. will beim
Landesdatenschutzbeauftragten und beim Landerechnungshof eine
Prüfung des mit 1,2 Millionen DM dotierten Büros von
Ingrid Biedenkopf beantragen (Leipziger Volkszeitung, 19.03.2001).
"Dass die Ehefrau eines Ministerpräsidenten über
ihren eigenen Haushaltsposten verfügt, ist ein nicht
nachvollziehbares Novum", erklärte Landesvorsitzender
Holger Zastrow.
-
-
Umweltvorteil: Im Leipziger Südraum ist die Lausitzer
und Mitteldeutsche Bergbau Verwaltungsgesellschaft (LMBV) der größte
Waldbesitzer (Leipziger Volkszeitung, 20.03.2001). Der Bestand gilt
als gesund (vgl. Heuersdorf Aktuell Nr. 74). Dessen Anteil soll
durch das Sächsische Forstamt Leipzig von sieben auf zehn
Prozent gesteigert werden. Lausitzer Jubiläum: Am 21. März
ist der 20. Jahrestag des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde
gefeiert worden (Neues Deutschland, 22.03.2001). Das Kraftwerk mit
3000 MW Leistung, das für 3,5 Milliarden DM modernisiert wurde,
beschäftigt 1200 Menschen. (Damit wird gut die doppelte
Beschäftigungsintensität verzeichnet, wie im Kraftwerk
Lippendorf).
-
-
Opferbeigabe: Nach Ansicht des archäologischen
Hauptleiters Hauke Kenzler ist die nach sechs Jahren abgeschlossene
Erkundung des wegen des anrückenden Tagebaus Vereinigtes
Schleenhain abgebrochenen Dorfes Breunsdorf "einmalig"
(Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 26.03.2001; s Heuersdorf
Aktuell Nr. 100). "Hier wurde zum ersten (und in der Region
hoffentlich auch zum letzten) Mal ein Ort vollständig
ergraben, der bis zuletzt besiedelt war." Zu den besonderen
Fundstücken gehören zwei Handmühlen für Öl
und Senf aus dem 12. und 15. Jahrhundert sowie ein Silberschatz aus
dem Dreißigjährigen Krieg.
-
-
Position klargestellt: Angesichts einer parteiinternen
Diskussion um Heuersdorf hat die energiepolitische Sprecherin der
sächsischen PDS, Monika Runge, auf den (im Juli 2000 vom
Verfassungsgerichtshof festgestellten) Mangel an
Gemeinwohlargumenten für die Umsiedlung hingewiesen, "solange
30 Prozent Überkapazitäten im deutschen Strommarkt
bestehen" (Neues Deutschland, 26.03.2001; s. Heuersdorf Aktuell
Nr. 86, 87, 92). Es gäbe "Alternativen, die Interessen der
Einwohner mit dem Erhalt der Arbeitsplätze" verbinden.
Nach Ansicht des Fraktionsvorsitzenden Peter Porsch dienen die
Kohlereserven unter Heuersdorf allein dem Wert der Mibrag (Leipziger
Volkszeitung, 29.03.2001). "Diesem goldenen Kalb sollten wir
Heuersdorf nicht opfern."
-
-
Braunkohledenkmäler verschwinden: Aufgrund der
"außerordentlich" angespannten Haushaltslage (so
Innenminister Klaus Hardraht) wird der Freistaat Sachsen keine
Mittel für den Erhalt der 1939 errichteten, 523 Meter langen
Förderbrücke im ehemaligen Tagebau Zwenkau bereitstellen
(Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 28.01.2001; s. Heuersdorf
Aktuell Nr. 48). Das Bauwerk wird nun im August von der LMBV
gesprengt. Leipzigs Südraumbeauftragter Niels Gormsen konnte
trotz zahlreicher Nutzungskonzepte bislang keinen Investor
vorweisen. Aufgrund eines fehlenden Betreibermodells wird auch die
ehemalige Brikettfabrik "Gertrud" in Zechau geschlossen.
20 Millionen DM waren in das als erhaltungswürdig eingestufte
Industriemuseum in Ost-Thüringen investiert worden.
-
-
Irrläufer: Nach Ansicht des nordrhein-westfälischen
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) besteht kein
öffentliches Interesse an der Fortführung des Tagebaus
Garzweiler I/II (Pressemitteilung vom 28.03.2001). Man reagiere
deshalb "mit Gelassenheit" auf die verkündete
sofortige Vollziehung des Rahmenbetriebsplans.
-
-
Klarstellung: Vertreter Hornos haben die Hamburgische
Electricitäts-Werke AG (HEW) davor gewarnt, sich bezüglich
der Abbaggerung des Ortes zu sehr in Sicherheit zu wiegen (Lausitzer
Rundschau, 30.03.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 97, 99, 100). Der
Widerstand der Hornoer gegen eine Umsiedlung sei ungebrochen und
werde "mit allen Mitteln weitergeführt".
-
-
Dokumentation
-
-
Karl Mannsfeld, MdL, "Wirtschaftlichkeit der MIBRAG und
des Kraftwerks Lippendorf nicht gefährden",
Pressemitteilung der CDU-Fraktion des Sächsischen Landtags,
19.03.2001: "Die heutige Anhörung zur bergbaulichen
Umfahrung von Heuersdorf und einer möglichen Fremdbekohlung hat
aus unserer Sicht die bisherigen Erkenntnisse bestätigt. Der
Verzicht auf Heuersdorf würde demnach zu einer wesentlichen
Verschlechterung der Wirtschaftlichkeit mit allen Konsequenzen für
die MIBRAG und das Kraftwerk Lippendorf führen."