26. August 2002 Nr. 127

Arbeitsplätze durch Dorferhaltung

Bei der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) werden die Anteile ihres 50prozentigen Gesellschafters NRG Energy zum Verkauf angeboten (Pressemitteilung, 13.08.2002).

Sollte der Neueigentümer auf die Abbaggerung von Heuersdorf verzichten, würde es bis 2036 trotzdem keinen Beschäftigungsabbau im Tagebau Vereinigtes Schleenhain geben. Bis dahin könnten Fertigungskapazitäten für neue Energietechnik geschaffen werden, um die Ära der Braunkohle zu beenden.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Schlankes Profil: Nach Ansicht des Vorstandssprechers von Vattenfall Europe, Kurt Häge, wird der Anteil der Braunkohle an der Stromerzeugung weiter steigen (Märkische Allgemeine, 08.08.2002). Die Investitionen der Veag in zweistelliger Milliardenhöhe seien "jetzt unser Vorteil, weil den Konkurrenten der Kraftwerksbau erst noch bevorsteht." Die Vattenfall Europe Generation AG & Co. KG zählt 11.248 Beschäftigte, darunter 320 im Kraftwerk Lippendorf (Leipziger Volkszeitung, 08.08.2002). Bis 2007 wird in Lippendorf auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet. Doch zum Schuldenabbau will Vattenfall Europe insgesamt bis zum Jahre 2005 den derzeitigen Mitarbeiterstand von 18.000 auf 14 bis 15 tausend reduzieren (Handelsblatt, Die Tageszeitung, 22.08.2002). Nach Einschätzung von Rainer Münch, Analysten der DZ Bank, fehlt es Vattenfall an Finanzkraft für eine allzu aggressive Expansion. Das Unternehmen werde zunächst Wert auf den Ertrag legen.

Übernahmereif: Die amerikanische NRG Energy bietet wegen Schulden von 9 Milliarden Dollar ihren 50prozentigen Anteil an der Mibrag sowie 14 Kraftwerke in den USA und alle 21 Kraftwerke im Ausland zum Verkauf an (Star Tribune, 08.08.2002; Leipziger Volkszeitung, 14.08.2002). NRG ist über die Saale Energie GmbH (SEG) zu 41,1 Prozent am Kraftwerk Schkopau beteiligt. Nach Aussage des Gewerkschaftsvertreters im Betriebsrat, Peter Obramski, gibt es "keinen Grund zur Panik" solange "der Bestand der Mibrag (...) nicht in Frage gestellt wird" (Mitteldeutsche Zeitung, 14.08.2002). Das Unternehmen beschäftigt 1.900 Mitarbeiter, darunter 122 Auszubildende (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 81, 96,102).

Fehlleistung: Gemäß Abschlussbericht der Energie-Enquete-Kommission des Bundestages sowie Prognosen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird das Ziel, die Emission des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2005 um 25 Prozent zu reduzieren, nicht eingehalten (Neues Deutschland, 09.08.2002; Die Tageszeitung, 22.08.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 4, 51, 69, 82, 99, 106, 114, 118, Dokumentation). Für Christian-Dieter Schönwiese, Direktor des Zentrums für Umweltforschung an der Universität Frankfurt, müsse Deutschland "weg von der Kohle, das ist das Schlimmste" (Junge Welt, 17.08.2002). Eine Halbierung der CO2-Emissionen sei "technologisch problemlos."

Gegenwind: Innerhalb der CDU steht nach Aussage des Unions-Bundestagsabgeordneten Hermann Kues (Emsland) die Meinungsbildung "eindeutig pro Windenergie" (Financial Times Deutschland, 09.08.2002). Beim Windkrafthersteller Enercon werden inzwischen mehr Stahl verarbeitet als auf der Papenburger Meyer-Werft und über die Hälfte der Anlagen ins Ausland exportiert. In Sachsen-Anhalt wird annähernd 14 Prozent des Strombedarfs mit Windkraft erzeugt (Mitteldeutsche Zeitung, 10.08.2002). Das Land liegt damit auf Rang drei hinter Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. In Egeln (bei Magdeburg) baut die Enercon den Prototypen vom größten Windrad der Welt mit Leistung von 4,5 Megawatt (Volksstimme, 12.08.2002).

Kohle und Kreide: Mit einer vom Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner eingereichten Beschlussvorlage sollen die Stadtverordneten der Stadt Guben drei Beschlüsse aus 1994 und 1996 aufheben, die aus Solidarität mit dem vom Bergbau bedrohten Horno gefasst wurden (Lausitzer Rundschau, 15.08.2002). Die Stadt müsse "klare wirtschaftliche und politische Positionen" zur Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) beziehen. Demgegenüber meinte Irmgard Schneider vom Bündnis von Guben, die aktuellen Hochwasserkatastrophen würden zeigen, welche Folgen die schlimmen Verwüstungen der Umwelt nach sich ziehen. Brandenburgs Ministerpräsident (und Braunkohlenfreund) Matthias Platzeck hat ebenfalls auf die "Folgen der Klimaveränderung" hingewiesen (Der Tagespiegel, 15.08.2002). Mit den Ressourcen müsse umgegangen werden, um eine weitere Erderwärmung zu verhindern. Dazu seien alternative Energien stärker zu nutzen. Nach Ansicht von Sachsens Umweltminister Steffen Flath sei die Besteuerung von Energie sinnvoll, um zu sparsamerem Umgang anzuregen (Berliner Zeitung, 15.08.2002). Daher müsse an einer Ökosteuer festgehalten werden. Das Verständnis dafür wäre jedoch höher, "wenn Einnahmen teilweise für den Klimaschutz und etwa die Hochwasservorbeugung eingesetzt würden". Der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans- Joachim Schellnhuber, hat einen "internationalen Anpassungsfonds" mit jährlich rund 100 Milliarden Euro zur Deckung der Folgekosten des "menschengemachten" Klimawandels gefordert (Der Tagesspiegel, 25.08.2002).

Erfahrungsvorschuss: Spezialisten der Bergbauunternehmen Mibrag, LMBV und Wismut werden zur Mitarbeit in den Hochwassergebieten eingesetzt (Leipziger Volkszeitung, 21.08.2002). Die Mibrag stellt zudem 250.000 Euro für die Flutopfer in Sachsen und Sachsen-Anhalt zur Verfügung.

Eindeutig zweideutig: Der Sprecher von Vattenfall Europe, Johannes Altmeppen, hat das Festhalten des Konzerns am Atomausstieg bestätigt (Berliner Zeitung, 19.08.2002). Obwohl Kernkraftwerke viel Kohlendioxid einsparen würden, sei eine Lösung des Klimaproblems dadurch "nicht möglich". Demgegenüber meint Klaus Rauscher, Vorstandsvorsitzender von Vattenfall, man könne "auf die Option Kernenergie nicht für alle Zeiten verzichten" (Der Spiegel, 26.08.2002). Vattenfall betreibt acht Atomkraftwerke in Schweden und zwei bei ihrer deutschen Tochter Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW).

Dokumentation

DEBRIV Bundesverband Braunkohle, "Emissions Trading. Hohe Kostenimpulse für die Wirtschaft", Informationen und Meinungen, 3/2002: "In der Stromerzeugung führt der Emissionshandel nach Ansicht des RWI zu erheblichen Verwerfungen aufgrund veränderter Preisrelationen. Bei hohen Zertifikatspreisen würde sogar die Braunkohle in der Grundlast ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren."