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Sonnenenergie 2/2004

Jeffrey H. Michel

Heuersdorf und der Kampf für eine Energiewende

Sonnenkraft statt Kohlestrom

Die Gemeinde Heuersdorf südlich von Leipzig steht am Rande des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain. Bis 2040 soll dort eine Erdmasse mit dem dreifachen Volumen des Suezkanals versetzt werden, um Braunkohle für das benachbarte Kraftwerk Lippendorf abzubauen. Nach dem Willen von Tagebau- und Kraftwerksbetreibern soll Heuersdorf daher spätestens in zwei Jahren geräumt werden.

Die Braunkohle unter Heuersdorf reicht nicht einmal aus, nur die Standby-Schaltungen aller deutschen Fernseher unter Strom zu halten. Doch der Privatisierungsverkauf des Bergbauunternehmens MIBRAG (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH) Ende 1993 an zwei amerikanische Konzerne wurde maßgeblich durch die geplante Grundlasterzeugung in Lippendorf ermöglicht. Die damalige VEAG (Vereinigte Energiewerke AG) stellte ihrerseits die Überbaggerung von Heuersdorf zur Bedingung für den Bau des Kraftwerks. Trotz dessen Betriebsaufnahme vor vier Jahren fehlt aber weiterhin die rechtliche Grundlage für eine Zwangsumsieldung aller zum Verbleib entschlossenen Dorfbewohner.

Nach dem Willen der CDU-geführten Staatsregierung soll nun im April die kommunale Eigenständigkeit des 150 Seelen-Dorfes durch ein Eingliederungsgesetz aufgelöst werden. Die kohlefreundliche Hauptgemeinde Regis-Breitingen befürwortet eine Gebietsaufgabe. Doch der bisherige juristische Status von Heuersdorf bleibt so lange bestehen, bis über die Rechtsmäßigkeit der Eingliederung endgültig entschieden wird.

Das erste Heuersdorf-Gesetz wurde 1998 erlassen, zwei Jahre später aber vom Sächsischen Verfassungsgerichtshof wegen unzureichender Beachtung des liberalisierten Strommarkts verworfen. In einem zweiten Normenkontrollverfahren ist nun auch im November 2003 der Braunkohlenplan Schleenhain vom Oberverwaltungsgericht in Bautzen wegen Formfehler für nichtig erklärt worden. Die MIBRAG-Bagger rücken aber weiter auf die 707 Jahre alte Ortschaft vor. Der Gemeinderat beabsichtigt deshalb eine Klage gegen das neue Heuersdorf-Gesetz, sollte es vom Sächsischen Landtag verabschiedet werden. Für MIBRAG-Geschäftsführer Bruce De Marcus haben es die Parlamentarier in der Hand, “ob Mitteldeutschland als Energiestandort eine Zukunft haben wird”. Doch diese Zukunft könnte gerade durch die Braunkohlenwirtschaft vertan werden.

CO2-Killer Braunkohle

Denn die Energiewende geht schlicht an den Kohlenrevieren vorbei. Trotz fortschrittlicher Kraftwerkstechnik wird bei Braunkohle fast die dreifache CO2-Menge pro kWh im Vergleich zur Erdgasverstromung emittiert. Die ostdeutsche Kohleförderung ist seit 1998 um ein Viertel auf 80 Millionen Tonnen gestiegen, um die Stromerzeugung in den Kraftwerken Jänschwalde (3.000 MW), Boxberg (1.900 MW), Lippendorf (1.840 MW), Schkopau (980 MW) und Schwarze Pumpe (1.600 MW) auszuweiten. Durch die zusätzliche Emission von 16 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr hat sich Deutschland von seinem 25-prozentigen CO2-Minderungsziel entfernt, das nunmehr bis 2005 als unerreichbar gilt.

Um aber die Kohlenutzung wieder zu verringern, schlägt Heuersdorf eine enge bergbauliche Umfahrung seiner besiedelten Ortsteile vor. Die Braunkohleverstromung in Lippendorf müsste dadurch um zwei Jahre gekürzt werden. Dieser rund fünf-prozentige Erzeugungsausfall ließe sich durch einen Windpark mit 350 MW Nennkapazität ausgleichen. Der westsächsische Raum würde zwar danach immer noch hinter der bundesdeutschen Zielvorgabe eines 12,5-prozentigen erneuerbaren Stromanteils bis 2012 stehen. Doch bislang bestand bei den sächsischen Energieversorgern überhaupt keine Absicht, sich angemessen an dieser Strategie zu beteiligen.

Unstetigkeiten bei der Windkrafterzeugung könnten durch das Pumpspeicherwerk in Goldisthal/Thüringen geglättet werden, ohne – wie bei der Aufnahme von Braunkohlestrom – die Treibhausbilanz zusätzlich zu belasten. Neben den erzielten EEG-Einnahmen, dem gesteigerten Absatzerlös zu Spitzenverbrauchszeiten und der Verringerung des Regelenergiebedarfs trüge eine erhebliche Entlastung beim CO2-Emissionshandel zum Betriebsergebnis des VEAG-Nachfolgers Vattenfall Europe bei. Der Verzicht auf die Heuersdorfer Braunkohle entspräche einer Emissionsminderung von rund 25 Millionen Tonnen CO2 und damit einem Verrechnungswert in dreistelliger Millionenhöhe.

Zufeuern statt verfeuern

Der CO2-belastete Kohleeinsatz könnte auch weiter durch die Nutzung von Biomasse oder Erdgas als Zweitbrennstoff verringert werden. Mehrere Braun-und Steinkohlekraftwerke in Deutschland, Polen, Großbritannien und den USA sind in den letzten Jahren auf eine entsprechende Mischfeuerung umgestellt worden. Die Aufbereitung von speicherfähigem Brenngas aus Biomasse bietet beschäftigungs- und klimapolitische Vorteile gegenüber dem derzeit noch preiswerteren Erdgas. Biomasse stellt im Übrigen ein geringeres Transportgewicht im Vergleich zum verflüssigten Kohlendioxid aus einem “CO2-freien Kraftwerk” dar, das von Vattenfall erforscht wird.

Der elektrische Wirkungsgrad von Lippendorf beträgt 42,5 %, was lediglich von der BoA-Technik im rheinischen Bergheim-Niederaußem geringfügig überboten wird. Doch insgesamt werden nur 46 % der Braunkohleenergie verwertet. Wegen unzureichender Fernwärmelieferungen unter anderem über eine 15 km lange Leitung nach Leipzig geht die Kraftwerksabwärme weitestgehend verloren. Im nahezu baugleichen Kraftwerk Schwarze Pumpe beträgt der Brennstoffnutzungsgrad immerhin 55 % aufgrund des vorwiegend industriellen Wärmeabsatzes.

Durch eine breite Ausstattung der Stadt Leipzig mit Solarkollektoren könnte aber die Erzeugung in Lippendorf eingeschränkt werden, um eine höhere energetische Verwertung der Braunkohle zu ermöglichen.

Diese Betriebsweise wäre im Optimalfall durch eine wechselseitige Blocknutzung bei entsprechend gesteigertem Wärmeauskopplungsgrad im jeweils aktiven Block zu realisieren. Dadurch könnten die jährlichen CO2-Emissionen reduziert und die Reichdauer der Braunkohle verlängert werden. Eine zusätzliche Wärmeerzeugung während der kalten Jahreszeiten erfolgt bereits im GuD-Kraftwerk der Leipziger Stadtwerke.

Solarer Aufbruch?

Wirksame Maßnahmen zur Energieeinsparung setzen eine akkurate Kenntnis des eigenen Nutzungsverhaltens voraus. In den USA ist der Stromverbrauch durch monatlich vergleichende Energy-Star-Abrechnungen und durch “20/20-Rückvergütungen” um bis zu 12 Prozent reduziert worden. Beim diesem zweiten Verfahren im Bundesstaat Kalifornien wird eine 20-prozentige Verbrauchsminderung durch die numerisch gleiche Tarifsenkung belohnt. Die schwedische Vattenfall AB rüstet inzwischen ihr gesamtes Versorgungsgebiet mit fernablesbaren Stromzählern aus, sodass dort Einsparstrategien in Echtzeit realisiert werden können. Die herkömmliche Stromablesepraxis der ostdeutschen Regionalversorger liefert hingegen kaum Anreize für energiebewusstes Verhalten bei ihren Tarifkunden. In Heuersdorf soll deshalb eine ständige Überwachung des Strom-, Wärme- und Wasserverbrauchs über eine Dorfvernetzung realisiert werden. Die Nutzungsgewohnheiten eines Haushalts werden beim Konzept “Virtuelles Kraftwerk Heuersdorf” am Fernsehschirm sichtbar gemacht. Aus einer Verbrauchsanalyse sollen Energieverluste reduziert sowie Anhaltspunkte für eine eigenständige dezentrale Stromerzeugung abgeleitet werden. Eine Arbeitsgruppe des Vereins “Für Heuersdorf” hat Niedrigenergiehäuser für das Lückenbebauungskonzept des Straßendorfs entworfen. Eine Photovoltaikanlage ist für das Kirchengemeindehaus geplant, das im Wochenverlauf mehr Nutzungsstunden als jede der zwei historischen Kirchen aufweist. Ein Solarkollektor zur Vorheizung von Brauchwasser wurde bereits 1995 auf dem Dach der Gaststätte installiert. Solartechnik fehlt aber gänzlich an den Privathäusern, da seit 1994 sämtliche Bauzuschüsse des Freistaates Sachsen verwehrt worden sind. Für die Heuersdorfer sind in Zukunft gesundheitsgefährdende Schmutz- und Lärmbelastungen aus dem Kohleabbau nicht auszuschließen, von denen allerdings auch weitere Ortschaften betroffen sind. Einzelne Aktivitäten im Außenbereich sollen deshalb so lange eingeschränkt, eingestellt oder auf andere Standorte verlagert werden.

Zukunft oder Ende

Doch in wenigen Jahren dürfte Heuersdorf wieder zu den bevorzugten Wohnorten der Region zählen. Aufgrund der jahrelangen Verweigerung von Bauplatzgenehmigungen und Fördermitteln sind hier keine stilwidrigen Bauten, leeren Gewerbeparks oder Abschreibungsruinen entstanden. Der Tagebau hat die Durchfahrtsstraße unterbrochen und Heuersdorf in eine verkehrsberuhigte Zone verwandelt. Der Dorfteich, zahlreiche Streuobstwiesen sowie ehemalige LPG-Grundstücke verbinden den Wohnbereich mit seinem natürlichen Umfeld. Neue Biotope und Nistplätze sind an den leer stehenden Häusern und Gehöften der MIBRAG entstanden, die größtenteils in den 90er Jahren von umsiedlungswilligen Eigentümern übernommen wurden. Im Leipziger Südraum gelten bereits andere Orte wie Dreiskau-Muckern, Mölbis und Kahnsdorf als international bekannte Beispiele für die Wiedergeburt einst durch den Bergbau totgeweihter Dörfer. Im Jahre 2012 werden die Besucher der Leipziger Olympiade entweder das voll sanierte Heuersdorf oder aber an dessen Stelle ein Tagebaurestloch vorfinden. Ein Windpark in der Nähe des Tagebaus würde Flugreisenden die bevorstehende Landung signalisieren und anschließend als Ausflugsziel dienen. Eine “Kohlenersatzsiedlung Neu-Heuersdorf” in Regis-Breitingen dürfte hingegen in keinem Reiseführer vermerkt werden. Anders als die meisten Naturschutz- und Umweltverbände hält Heuersdorf eine abrupte Beendigung der Braunkohleverstromung für weder umsetzungsfähig noch erstrebenswert. Vielmehr muss ein gleitender Übergang zu CO2-freien Technologien durch den stetigen Ausbau erneuerbarer Energien umgesetzt werden. Die Dringlichkeit dieser Aufgabe wird aber gleichwohl beim Kraftwerk Jänschwalde nahe Cottbus offenkundig, wo die Kohlevorkommen bereits um 2020 erschöpft sein werden. Was danach an diesem 3.000-MW-Energiestandort passieren soll, meinen derzeit allenfalls einige atomfreundliche Strommanager und Politiker zu wissen.

Über den Autor:
Jeffrey H. Michel ist Energiebeauftragter von Heuersdorf.