Dezember 16, 2019

Heuersdorf Online

Die historisch einmalige Ortschaft Heuersdorf südlich von Leipzig ist wegen des Braunkohle-Tagebaus Vereinigtes Schleenhain zum Betrieb des Kraftwerks Lippendorf überbaggert worden. Die Sächsische Staatsregierung und die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) haben die bergbauliche Inanspruchnahme des Dorfes durchgesetzt, in dem bis vor kurzem die aus dem 13. Jahrhundert stammende Emmauskirche, die Taborkirche im Ortsteil Großhermsdorf sowie zahlreiche Wohngebäude unter Denkmalschutz gestanden haben. Der Ort wurde bis Mitte 2009 abgesiedelt und anschließend zerstört.

Am 15. August 2008 gab Horst Bruchmann, der seit 1992 in Heuersdorf als Bürgermeister gedient hat, gegenüber der Tageszeitung Die Welt zu Protokoll: “Ich bleibe dabei, die Umsiedlungen sind Verbrechen!” Hier auf Heuersdorf Online werden die dahinter stehenden Umstände mit Analysen, Zitaten, Kommentaren und Originalschriften dokumentiert.Heuersdorf überstand Epidemien, Kriege, Plünderungen, Brände und zwei Diktaturen. Doch die Heuersdorfer mussten sich erst nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 mit einer unmittelbar drohenden Zerstörung ihres Ortes durch den Abbau von Braunkohle auseinandersetzten. Dieser Bodenschatz stellte für die arbeitende Bevölkerung des 20. Jahrhunderts einen befristeten Segen dar. Wo aber heute die Braunkohle liegt, wird eine ganze Region in Geiselhaft genommen. Im Leipziger Südraum liegt die Arbeitslosigkeit weit über dem Landesdurchschnitt. Der Wegzug junger Menschen hält unvermindert an. Der Angebotspreis von Immobilien liegt bedeutend unter dem Wert vergleichbarer Objekte in anderen Regionen, was auch Investitionen in Erneuerung und Ausbau zu einer risikobehafteten Unternehmung macht. Für die Natur- und Kulturlandschaft ist der Bergbau zum ewigen Fluch geworden.Die auf dem 37. Parteitag der CDU 1989 in Bremen beschlossene Verpflichtung zur Wahrung der Schöpfung hat den Raubbau an der natürlichen Umwelt und an Kulturgütern nicht aufgehalten. Die Energiepolitik dieser angeblich christlich geprägten Partei verstößt dabei gegen das biblische Verbot des Begehrens, bei dem die Inanspruchnahme jeglichen Fremdeigentums untersagt wird. Klimafreundliche Ersatztechnologien nehmen dabei einen untergeordneten Stellenwert bei einer zwischen Politik, Gewerkschaft und Unternehmen gegenseitig abgestimmten Strategie der Machtsicherung ein.Die Bevölkerung von Heuersdorf ist an mehrere unterschiedliche Standorte umgesiedelt worden. Ihre Entschädigung erfolgte nach Richtwerten aus 1995, dem Jahr des Heuersdorf-Vertrags. Dieser sah keinen finanziellen Ausgleich für die seitherige Inflationsentwicklung sowie für zwei Mehrwertsteuererhöhungen vor. Die Menschen wurden zudem zur unentgeltlichen Abwicklung ihrer Umsiedlung – was zusammengerechnet mehrere Arbeitsmonate beanspruchen kann – im Widerspruch zu Artikel 12 Abs. 2 & 3 des Grundgesetzes genötigt.Diese Missstände lassen sich nur durch eine Revision des Bundesberggesetzes beheben, das 1980 unter dem Eindruck des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan zur Stärkung der nationalen Energiesicherheit formuliert wurde. Der Bundesdelegiertenkongress von Bündnis 90/Die Grünen hat eine Reform des Gesetzes als politisches Ziel beschlossen. Weitere Parteien mögen diesem Beispiel folgen.